Nach dem WM-Aus verzweifelten viele Fans auf der FanmeileWährend der letzten Spielminuten standen die Fans schweigend vor den Leinwänden auf der Fanmeile, rauften ihre schwarz-rot-gelben Perücken und bissen in ihre Trikots. "Wir fahren nie wieder nach Mallorca", sagte ein Mädchen zu seinem Freund, der daraufhin nur wortlos den Kopf schüttelte. Dann zückte das Mädchen ein Taschentuch und wischte sich die Deutschlandfarben von den Wangen. Als der Schiedsrichter kurze Zeit später das Spiel abpfiff, strömten die Fanmassen zum Ausgang. Zwischen leeren Plastikbechern saßen schwere Männer, vergruben die Gesichter in ihren Händen, starrten mit glasigen Blicken auf die Leinwand und die Bilder der jubelnden Spanier auf dem Spielfeld in Südafrika.
Obwohl es gestern Abend vom Anpfiff an schattig auf der Fanmeile war und die rund 350 000 Fans nicht wie beim Viertelfinale in der Sonne brüten mussten, war die Stimmung die ganze Zeit über hitzig gewesen. Die wenigen Spanier, die sich hierher trauten, wurden mit lautem Gejohle begrüßt: "Schade Spanien, alles ist vorbei!" Bereits eine Stunde vor Spielbeginn gab es die ersten Zusammenbrüche wegen Alkohol, Fans übergaben sich, an einem Bierstand verpasste ein Fan einem anderen ein blaues Auge, weil der sein Bier verschüttet hatte.
Als das Spiel dann zu Ende war, droschen Fanmeilen-Besucher auf Straßenschilder ein. Sanitäter bahnten sich ihren Weg durch die Mengen, Sirenengeheul mischte sich mit dem lauten Krachen der Böller, die überall explodierten.
Und noch lange nach dem Spiel saß Björn, 34, auf der Straße des 17. Juni. "Ohne Worte", presste er hervor und fügte hinzu: "Das ist die Wiederholung von 2006." Während die Fans, die an ihm vorbeigingen, auf alles einkickten, was am Boden lag - leere Bierbecher, Deutschlandperücken und fettige Pommesschalen - fand Björn dann doch noch Worte dafür, warum er Weltmeisterschaften so liebt, solange Deutschland dabei ist: "Endlich trauen sich die Leute dann, Fahnen rauszuhängen." Schön fände er das und schließlich sagte er trotzig: "Meine Fahne bleibt!"
Auch Student Thomas, 25, saß noch fast eine Stunde lang mit seiner Freundin Denisa, 22, am Straßenrand. Die beiden trauten sich nicht loszugehen. Zu aufgeheizt fanden sie die Gemüter der enttäuschten Fans. "Einer musste ja verlieren", sagte Thomas, "aber ich bin enttäuscht, dass die Deutschen so schlecht gespielt haben, so ängstlich, mit so vielen Fehlpässen. Ich habe einfach attraktiveren Fußball erwartet." Auf der Fanmeile war er, weil er sie Denisa zeigen wollte. Die war aus Tschechien zu Besuch. "Ich komme aus einer kleinen Stadt", sagte sie, während eine Gruppe Jungen vorbei schlich, eine fast zehn Quadratmeter große Fahne über den Boden hinter sich herschleifend. "So etwas wie das hier habe ich noch nie gesehen."
Bei den Spanien-Fans war der Jubel grenzenlos. "Wir sind sehr stolz, dass wir die Deutschen geschlagen haben, weil die sehr stark sind", freute sich Maria, eine 27-jährige Studentin aus Spanien. Sie hatte mit etwa hundert anderen Spanien-Fans das Spiel in der Tapas-Bar Yosoy in Mitte verfolgt. "Es ist doch klar, dass wir die Holländer besiegen werden, denn die sind schwächer als die deutsche Elf", sagte sie.
Schon während des Spiels waren Sprechchöre aus der Bar und über den Rosenthaler Platz in Mitte geschallt: "A por ellos, olé, a por ellos, olé". Die Männer, eingehüllt in ihre Nationalflaggen, die Frauen mit gelben Halstüchern und roten Lippen fieberten mit, sie stampften und brüllten sich in einen Rausch. Hunderte Tapas, Berge Papas Fritas und Calamaris gingen über den Tresen. Spanier, so viel war Beobachtern klar, machen mehr als Public Viewing, sie machen Kampfsport, der während des Spiels sogar eine schöne Spanierin vom Hocker gleiten ließ. Kreislaufkollaps.
Unter die Spanier hatten sich auch einige Deutsche gemischt. Wegen der grandiosen Stimmung, wie ein Rentner sagte. Mittendrin saß ein junges Paar, Carmen und Michael, sie Spanierin, er Deutscher. "Am Ende wird einer weinen, wir wissen nur noch nicht wer", sagte der Gatte früh am Abend. Wie es sich zeigen sollte, war er es.
Berliner Zeitung, [08.07.2010]